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Hüftgelenkdysplasie

Bei der Hüft­ge­lenk­dys­pla­sie – kurz HD – handelt es sich um eine Erkran­kung des Hüft­ge­lenks, die in ver­schie­de­nen Stärken auf­tre­ten und das Gang­bild beein­träch­ti­gen kann. Es handelt sich um eine Fehl­ent­wick­lung der beiden das Hüft­ge­lenk bil­den­den Knochen: Der Ober­schen­kel­kopf (Caput femoris) und die Gelenk­pfanne (Ace­ta­bu­lum) am Hüft­kno­chen, die eigent­lich inein­an­der liegen und ähnlich einem Schar­nier funk­tio­nie­ren sollten, passen nicht richtig zusam­men. Je nach Schwere der HD ist die Gelenk­pfanne mehr oder weniger abge­flacht, der Ober­schen­kel­kopf kann Fehl­bil­dun­gen auf­wei­sen. Bänder, Sehnen und Muskeln sta­bi­li­sie­ren den Ober­schen­kel­kopf nor­ma­ler Weise in der Gelenk­pfanne, im Falle einer HD ist diese Ver­bin­dung zu locker. Der Ober­schen­kel­kopft sitzt nicht fest genug in der Pfanne, das Gelenk bewegt sich nicht in der vor­ge­se­he­nen Form und es kommt zu unna­tür­li­cher Abnut­zung am Knochen. Das Gelenk ist dadurch insta­bil. Meist geht die Hüft­dys­pla­sie mit der Bildung von Arthro­sen einher, das heißt mit chro­ni­schem Gelenk­ver­schleiß und infol­ge­des­sen Kno­chen­zu­bil­dun­gen.

 

Inwie­fern eine HD erblich oder erwor­ben ist ist strit­tig. Umwelt­ein­flüsse wie ein zu schnel­les Wachs­tum, häu­fi­ges Sprin­gen und abrup­tes Stoppen stehen in Ver­dacht, die Ent­ste­hung einer Hüft­ge­lenk­dys­pla­sie zu begüns­ti­gen. Über­ge­wicht ist eben­falls nach­tei­lig und wirkt sich bei einer bestehen­den Hüft­dys­pla­sie negativ auf das Gang­bild aus. Manche gehen sogar davon aus, dass Fehl­ernäh­rung eine HD ver­ur­sa­chen oder zumin­dest fördern kann. Dies ist inso­fern eine berech­tigte Über­le­gung, dass die Ernäh­rung im Wachs­tum die Schnelle und Gleich­mä­ßig­keit der Ent­wick­lung beein­flusst. Die vor­herr­schende Meinung ist aller­dings, dass eine HD immer eine erb­li­che Kom­po­nente vor­aus­setzt und durch Umwelt­ein­flüsse nur geför­dert oder ver­schlim­mert wird. 

Eine HD bildet sich haupt­säch­lich bei grö­ße­ren, schwe­ren Rassen aus, kann aber auch klei­nere Hunde (und Katzen) betref­fen. Sie ent­wi­ckelt sich während des Ske­lett­wachs­tums und kann ab einem Alter von 12 bis 18 Monaten je nach Ent­wick­lungs­stand des Hundes sicher anhand eines Rönt­gen­bil­des dia­gnos­ti­ziert werden. Manche Hunde zeigen bereits vorher ein auf­fäl­li­ges Gang­bild oder Schmer­zen, andere zeigen keine Beein­träch­ti­gung. Nicht jeder Hund zeigt bei glei­cher Schwere der Erkran­kung die­sel­ben Schmer­zen oder das­selbe ver­än­derte Gang­bild.

 

 

Diagnose

Röntgenbild HüftgelenksdysplasieDie Dia­gnose erfolgt wie erwähnt mittels Rönt­gen­bild. Ab einem Alter etwa 12 Monaten (ras­se­ab­hän­gig) kann dieses ange­fer­tigt werden und eine sichere Dia­gnose liefern. Auf­grund der über­streck­ten Rücken­lage des Hundes (er wird im Prinzip von den Hinter- bis zu den Vor­der­pfo­ten »gestreckt«) ist für diese Auf­nahme eine Narkose not­wen­dig. Das Rönt­gen­bild wird von beiden Gelen­ken zugleich ange­fer­tigt, das heißt es ist primär die gesamte Hüfte mit beiden Gelen­ken zu sehen. Für die Beur­tei­lung sind vor allem drei Fak­to­ren ent­schei­den: Der Gelenk­spalt zwi­schen Kopf und Pfanne, der gleich­mä­ßig geformt und ange­mes­sen groß sein sollte, die Lage des Ober­schen­kel­kop­fes in der Gelenk­pfanne sowie mög­li­cher Weise vor­han­dene Kno­chen­zu­bil­dun­gen, welche bei­spiels­weise den Rand des Ober­schen­kel­kop­fes nicht mehr glatt, sondern rau aus­se­hen lassen würden. 

Ein Vor­rönt­gen mit etwa einem halben Jahr ist ebenso möglich, lässt aber nur eine gewisse Locker­heit in den Gelen­ken erken­nen und gibt keinen siche­ren Auf­schluss über die Schwere einer HD, wie es zum Bei­spiel für die Zulas­sung von Zucht­tie­ren erfor­der­lich ist. Diese benö­ti­gen oben genannte Haupt­un­ter­su­chung. 

 

Einstufung

Für Zucht­tiere wird der Befund­nach Vorgabe des FCI (Fédé­ra­tion Cyno­lo­gi­que Inter­na­tio­nale) in ver­schie­dene Stufen ein­ge­teilt: HD-A, HD-B, HD-C, HD-D und HD-E. Eine der­ar­tige Ein­stu­fung und Ein­tra­gung im Zucht­buch dürfen nur Tier­ärzte mit ent­spre­chen­der Zulas­sung vor­neh­men. Die Ein­stu­fung erfolgt anhand der Form der Gelenk­pfanne, even­tu­ell vor­han­de­nen Arthro­sen und dem Grad des Nor­berg­win­kels. Dieser wird mittels einer auf das Bild auf­ge­leg­ten Scha­blone gemes­sen. Zunächst wird eine Ver­bin­dungs­li­nie zwi­schen den Mit­tel­punk­ten beider Gelenk­köpfe gezogen (unter anderem des­we­gen ist wichtig, dass der Hund bei der Auf­nahme voll­stän­dig gerade und ruhig liegt). Anschlie­ßend wird von jedem Kopf­mit­tel­punkt einzeln eine weitere Linie gezogen. Diese ver­läuft entlang dem Pfan­nen­rand, das heißt berührt das Ende, welches den Gelenk­kopf in Rich­tung Brust­korb am weits­ten umfasst. Diese zwei Linien stehen dann in einem Winkel zu der ersten Linie zwi­schen beiden Gelenk­köp­fen. Dieser Winkel wird als Nor­berg­win­kel bezeich­net. Bei gesun­den Tieren liegt dieser bei 105 Grad oder mehr. Je kleiner der Winkel wird, umso stärker ist die vor­lie­gende Hüft­dys­pla­sie. 

  • HD-A: HD-frei. Der Hund ist nicht von der Erkran­kung betrof­fen, es gibt keine Hin­weise auf eine Fehl­bil­dung. Der Nor­berg­win­kel liegt bei 105 Grad oder mehr, der Gelenk­spalt ist eng, gerun­det und weist überall den glei­chen Abstand zwi­schen Kopf und Pfanne auf. Die Kon­tu­ren von Kopf und Pfanne sind glatt. 
  • HD-B: Über­gangs­form. Ent­we­der liegt der Nor­berg­win­kel zwi­schen 100 und 105 Grad und der Gelenk­spalt ver­läuft minimal ungleich, oder der Nor­berg­win­kel beträgt 105 Grad oder mehr und der Gelenk­spalt ver­läuft stark ungleich zwi­schen Pfanne und Kopf. Am Knochen können mini­male struk­tu­relle Ver­än­de­run­gen erkenn­bar sein. 
  • HD-C: leichte HD. Der Nor­berg­win­kel beträgt 100 Grad oder mehr, der Knochen weist leichte struk­tu­relle Ver­än­de­run­gen wie Unschärfe der Kon­tu­ren auf. Der Pfan­nen­rand kann leicht abge­flacht sein. 
  • HD-D: mitt­lere oder mit­tel­schwere HD. Der Nor­berg­win­kel beträgt 90 Grad oder mehr, der Knochen weist deut­li­che struk­tu­relle Ver­än­de­run­gen auf, der Gelenk­spalt ist stark ungleich­mä­ßig, der Pfan­nen­rand ist abge­flacht.
  • HD-E: schwere HD. Der Nor­berg­win­kel liegt unter 90 Grad, die struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen am Knochen sind deut­lich erkenn­bar und massiv, der Ober­schen­kel­kopf ist stark defor­miert, der Pfan­nen­rand stark abge­flacht.

Gele­gent­lich werden bei grenz­wer­ti­gen Formen auch noch die Stufen 1 und 2 ver­wen­det, also bei­spiels­weise HD-C1 oder HD-C2

 

Behandlung

Je nach Schwere der HD bieten sich ver­schie­dene The­ra­pie­for­men an. Das ein­fachste und bei jeder Schwere emp­foh­lene ist mode­ra­tes Mus­kel­trai­ning, das heißt der Aufbau einer sta­bi­len Bemus­ke­lung, welche die Gelenke sta­bi­li­siert. Der Aufbau sollte gelenk­scho­nend erfol­gen, das heißt ohne Sprin­gen oder Start- und Stopp­be­we­gun­gen (zum Bei­spiel beim Ball­spie­len). Am besten geeig­net ist ste­ti­ges Laufen im locke­ren Trab, wobei die Spa­zier­gan­g­länge zwi­schen Belas­tungs­schmerz (bei zu viel Bewe­gung) und Anlauf­schmerz (bis der Hund warm­ge­lau­fen ist) liegen sollte. Schwim­men eignet sich eben­falls gut für einen gelenk­scho­nen­den Mus­kel­auf­bau. Der Hund sollte all­ge­mein vor starker Belas­tung geschützt werden, nicht sprin­gen und eine schlanke Figur auf­wei­sen. Trep­pen­stei­gen, Joggen und Rad­fah­ren sollte ver­mie­den werden. Für den Ein­stieg ins Auto sind ent­spre­chende Hun­der­am­pen erhält­lich. 

In den meisten Fällen ist eine Phy­sio­the­ra­pie ange­ra­ten. Hier kann sowohl auf dem Unter­was­ser­lauf­band trai­niert als auch Tipps für den Aufbau zu Hause gegeben werden. Bei Schmer­zen und Pro­ble­men mit der Beweg­lich­keit kann ein Phy­sio­the­ra­peut eben­falls Lin­de­rung ver­schaf­fen. Zu dieser kon­ser­va­ti­ven The­ra­pie kommt die mög­li­che Gabe ver­schie­de­ner Medi­ka­mente hinzu, ent­we­der zur Lin­de­rung ein­her­ge­hen­der Arthro­sen oder zur Schmerz­lin­de­rung. Nah­rungs­er­gän­zun­gen wie Grün­lipp­mu­schel können eben­falls ver­füt­tert werden. 

Golda­ku­punk­tur wird eben­falls ange­wen­det. Bei dieser The­ra­pie werden etwa einen Mil­li­me­ter große Gold­stäb­chen in Mus­ku­la­tur und Gelenk ein­ge­setzt, welche dau­er­haft Aku­punk­tur­punkte zur Sym­ptom­lin­de­rung sti­mu­lie­ren sollen. Diese Methode ist nicht frei von Kritik, da die Gold­stäb­chen sich in manchen Fällen ver­scho­ben und ihre Wirkung ver­lo­ren haben. 

Bei schwe­ren Schäden des Hüft­ge­lenks kann ope­ra­tiv ein­ge­grif­fen werden. Künst­li­che Hüft­ge­lenke oder auch nur ein Teil­ge­lenk, bei dem ledig­lich der beschä­digte Kno­chen­teil ent­fernt und ersetzt wird, können beim Hund ein­ge­setzt werden. Im Wachs­tum bereits kann bei einer fest­ge­stell­ten Locker­heit des Gelenks mittels der drei­fa­chen Becken­schwenk-Osteo­to­mie ein­ge­grif­fen werden. Der Hüft­kno­chen wird hierfür an drei Stellen durch­trennt und neu aus­ge­rich­tet, sodass sich der Winkel zwi­schen Kopf und Pfanne ver­än­dert. Der Kopf soll sich dadurch fest in der Pfanne ver­an­kern. Im wei­te­ren Wachs­tum ver­tieft der Kopf dann falls nötig die Pfanne, sodass die Sta­bi­li­tät des Gelenks wie­der­her­ge­stellt wird. 

Hüft­ge­lenks-Total­pro­the­sen kommen bei aus­ge­wach­se­nen Hunden zum Einsatz. Der Ober­schen­kel­kopf wird bei dieser Methode ent­fernt und durch eine Nach­bil­dung aus Metall oder Kunst­stoff ersetzt. Auf den Einsatz von Zement wird heute wei­test­ge­hend ver­zich­tet, da dieser eine geringe Lebens­dauer auf­weist und die Pro­these des­we­gen unter Umstän­den im Lauf des Hun­de­le­bens ersetzt werden muss. 

Als rein schmerz­lin­dernde Methode kann die Durch­tren­nung des Pek­ti­neus­mus­kels (Modi­fi­zierte Pec­ti­neus­myek­to­mie) ange­wandt werden. Hierbei werden die Ner­ven­enden auf der Gelenk­kap­sel ent­fernt und gege­be­nen­falls Muskeln und Sehnen ein­ge­schnit­ten, um die Schmer­zen am Gelenk zu redu­zie­ren. Der Erfolg ist sehr unter­schied­lich und kann zwi­schen etwa einem halben Jahr und meh­re­ren Jahren anhal­ten. 

Eine Resek­tion von Ober­schen­kel­hals und Ober­schen­kel­kopf ist eben­falls möglich. Beide werden ent­fernt, um den schmerz­haf­ten Kontakt mit dem Hüft­kno­chen zu ver­mei­den. Mit der Zeit bildet sich ein Schein­ge­lenk aus Bin­de­ge­webe.

 

Vererbung

Die tier­ärzt­li­che Hoch­schule Han­no­ver bei­spiels­weise ver­sucht derzeit, die für eine Hüft­dys­pla­sie ver­ant­wort­li­chen Gene zu iso­lie­ren. Bisher ist ledig­lich bekannt, dass die HD polygen vererbt wird, das heißt es ist nicht ein Gen für die Aus­bil­dung der Erkran­kung ver­ant­wort­lich, sondern mehrere. Bei der Ver­paa­rung zweier Hunde gibt es also zahl­rei­che Mög­lich­kei­ten, wie die Gene zusam­men­wir­ken können. Allein bei einer Ver­er­bung über drei Gene gibt es für jedes Eltern­tier acht ver­schie­dene Mög­lich­kei­ten, welche Gen­kom­bi­na­tion das Tier tragen kann. Damit ergeben sich für die Nach­kom­men 64 ver­schie­dene Kom­bi­na­ti­ons­mög­lich­kei­ten. Welche Gene genau und in welchen Kom­bi­na­tio­nen eine HD aus­lö­sen wird wohl noch zu klären sein. Bisher gestal­ten sich die Unter­su­chun­gen auf­grund von mög­li­cher Weise negativ oder positiv wir­ken­den Umwelt­ein­flüs­sen auf unter­suchte Tiere schwie­rig. 

 

Quellen:

  • www.tiho-hannover.de/kliniken-institute/institute/institut-fuer-tierzucht-und-vererbungsforschung/forschung/forschungsprojekte-hund/hueftgelenkdysplasie-hd/
  • www.tierklinik-frankfurt.de/wissenswertes/themen-der-tiermedizin/wissenswertes-zur-chirurgie-des-hueftgelenks/die-hueftgelenksdysplasie.html
  • www.grsk.org/informationen-fuer-tierbesitzer-zuechter/was-ist-hd
  • www.enpevet.de/Lexicon/ShowArticle/41009/H%C3%BCftgelenksdysplasie
  • www.tiermedizinportal.de/tierkrankheiten/hundekrankheiten/hueftgelenk-dysplasie-hd-beim-hund/071207
  • www.dk-weser-bremen.de/HD_Grade_Norberg%20Winkel.pdf
  • www.tierarztpraxis-kruegel.de/index.php?option=com_content&view=article&id=88&Itemid=104

 

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