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Ist der Hund Karnivore oder Omnivore?

Collage für Karnivore-Seite001Unter dem Begriff »Kar­ni­vore« werden alle Fleisch­fres­ser zusam­men gefasst, unter dem Begriff »Omni­vore« die soge­nann­ten Alles­fres­ser. Darüber hinaus gibt es auch noch die »Her­bi­voren«, die Pflan­zen­fres­ser. Für den Hund finden sich im Inter­net zahl­rei­che Zuord­nun­gen und Begriffe, vom Kar­ni­voren über den Omni­voren bis hin zum domes­ti­zier­ten Karni-Omni­voren, was zwar nicht richtig defi­niert wird, aber wohl irgendwo zwi­schen »nur Fleisch« und »alles« liegen soll. Hinter all diesen Begrif­fen ver­steckt sich wohl der Wunsch, eine Mischer­näh­rung aus Fleisch, Knochen, Inne­reien, Magen­in­halt und je nach Bedarf auch Dingen wie Erde, Wurzeln, Beeren und Gras zu beschrei­ben.

 

 

Die Abstammung als erster Anhaltspunkt

Der Hund ist ein Nach­fahre des Wolfes, welcher ein Kar­ni­vore ist. Aller­dings heißt dies nicht, dass dieser stets nur feins­tes Filet­fleisch zu sich nimmt, sondern dass er ganze Beu­te­tiere frisst. Unter die Beute des Wolfes fallen unter anderem kleine Nager, Wild (Reh, Kanin­chen), aber auch Fische, Würmer und Insek­ten. Bis auf je nach Beu­te­tier unver­dau­li­che Teile wie Magen­in­halt, stark ver­här­tete Knochen, Sehnen, Haut und Haare frisst der Wolf seine Beute kom­plett auf. Damit frisst er nicht nur Fleisch, sondern auch Knochen, Blut, Inne­reien, Kör­per­fett sowie fasrige Teile wie den Magen- oder Darm­in­halt. All diese Kom­po­nen­ten sind wichtig für den Wolf, um ihn optimal mit Nähr­stof­fen, Vit­ami­nen und Spu­ren­ele­men­ten zu ver­sor­gen. Diese Ernäh­rung ist es also, die unserem Haus­hund zugrunde liegt.

Der Unter­schied zu unserem heu­ti­gen Haus­hund ist, dass er eine Domes­ti­ka­tion durch­lau­fen hat, im Rahmen welcher er sich an die Lebens­um­stände des Men­schen und vor allem auch die Ernäh­rung mit dessen Resten ange­passt zu haben scheint. Daraus resul­tiert der Disput über die Zuord­nung des Hundes zu einer bestimm­ten Kate­go­rie von »Fres­sern« und was er nun in seiner Ernäh­rung brauche, ob er über­haupt noch über die­selbe Ver­dau­ung wie sein Vor­fahre verfüge. (Näheres zum Ver­dau­ungs­sys­tem des Hundes finden Sie hier: Der hün­di­sche Ver­dau­ungs­trakt)

 

Domes­ti­ka­tion ist aller­dings nicht mit Evo­lu­tion gleich­zu­set­zen und erfolgt auch nicht inner­halb weniger Jahre. Helmut Meyer und Jürgen Zentek schrei­ben dazu in der Ein­lei­tung ihres Buches zur hün­di­schen Ernäh­rung:

»Der Hund stammt vom Wolf ab, seine Domes­ti­ka­tion liegt über fünf­zehn­tau­send Jahre zurück – eine geringe Zeit­spanne im Verlauf der im Fall der Kaniden zehn Mil­lio­nen Jahre dau­ern­den Evo­lu­tion, in der sich die ana­to­misch-phy­sio­lo­gi­schen Beson­der­hei­ten einer Spezies heraus bilden. Wenn auch äußere Gestalt und Erschei­nungs­bild des Hundes sich gegen­über seinem Stamm­va­ter nach­hal­tig ver­än­der­ten, so blieben die wesent­li­chen art­be­stim­men­den phy­sio­lo­gi­schen Eigen­schaf­ten (ins­be­son­dere des Ver­dau­ungs­ka­nals) fast unbe­rührt. Der Hund ist also, wie sein Vorfahr, der Wolf, ein Ver­tre­ter aus der Ordnung der Kar­ni­voren, der Fleisch­fres­ser.« (Meyer; Zentek,  S. 2)

 

Nicht abzu­strei­ten ist aller­dings, dass auch Wölfe sich nicht nur von Beu­te­tie­ren, sondern – je nach Nah­rungs­an­ge­bot – auch von Früch­ten, Erde, Gras (zur Ver­dau­ungs­an­re­gung), Wurzeln und teil­weise auch Exkre­men­ten anderer Tiere ernäh­ren. Daher kommt wohl die Tendenz, ihn an mancher Stelle als Omni­voren zu bezeich­nen. Meyer und Zentek bezeich­nen den Wolf als »Fauni­voren«, was bedeu­tet, dass er Beu­te­tiere frisst und das nahezu im Ganzen, nicht nur das Fleisch. Aber auch davon weicht der Wolf ab, indem er zusätz­lich mit pflanz­li­chen Ele­mente wie Früch­ten ergänzt. 

 

Unterschiede im Detail: Enzyme und Verdauung bei Karnivoren und Omnivoren

Andere Stimmen unter­tei­len genauer: Der Hund ist demnach ein Kar­ni­vore, genauer gesagt ein fakul­ta­ti­ver Kar­ni­vore. Das heißt, er »hat die Wahl« und ist durch­aus imstande, pflanz­li­che Nahrung und zum Bei­spiel Stärke auf­grund seiner Enzymak­ti­vi­tät zu ver­dauen. Noch genauer ist die Ein­tei­lung nach Beu­te­tier und benö­tig­tem Flei­sch­an­teil in der Nahrung, welche den Hund von zum Bei­spiel Insek­ten­fres­sern abgrenzt. Demnach wäre der Hund der Fleisch-Knochen-Gruppe zuzu­ord­nen, welche jene Tiere umfasst, die einen Anteil von min­des­tens 70% Fleisch und Knochen in der Nahrung benö­ti­gen und Wir­bel­tiere (Ver­te­bra­ten) zu sich nehmen. Wie bei der Rati­ons­be­rech­nung für das Barfen gezeigt, trifft dies auf einen aus­ge­wach­se­nen, gesun­den Hund zu.

Neben offen­sicht­li­chen opti­schen, dem Kar­ni­voren zuzu­schrei­ben­den Merk­ma­len wie dem Vor­han­den­sein von Reiß­zäh­nen weist der Ver­dau­ungs­trakt eine Enzymak­ti­vi­tät auf, welche die Dis­kus­sion um Kar­ni­vore und Omni­vore erklä­ren könnte. Während Katzen (diese sind strikte Kar­ni­voren) Koh­len­hy­drate nicht ver­dauen können, sind Hunde dazu in gewis­sem Maße imstande. Die Ver­dau­ung von Stärke hängt wesent­lich von der Pro­duk­tion der alpha-Amylase ab. Diese wird sowohl im Pan­kreas (Bauch­spei­chel­drüse) pro­du­ziert und in das Ver­dau­ungs­sys­tem gelei­tet – und das von aus­nahms­los jedem Tier – als auch über den Spei­chel direkt bei der Nah­rungs­auf­nahme ein­ge­setzt. Kat­zen­spei­chel enthält die ent­schei­dende Amylase nicht, Hun­de­spei­chel hin­ge­gen schon. Dies trifft noch auf weitere Ver­dau­ungs­en­zyme im Darm zu, welche neben dem Hund und einigen wenigen anderen Kar­ni­voren nur Omni­voren auf­wei­sen. Dies mag für manch einen Anlass sein, zu ver­mu­ten, der Hund könne als Omni­vore bezeich­net werden. Doch trotz dieser Anpas­sung an eine Lebens­weise, die auf der Ernäh­rung von den Essens­res­ten eines Omni­voren – des Men­schen – beruht, bleibt der Hund sys­te­ma­tisch gesehen und in der meisten Fach­li­te­ra­tur ein Kar­ni­vore. Seine Zähne und der Aufbau seines rest­li­chen Ver­dau­ungs­trak­tes – abge­se­hen von der Akti­vi­tät mancher Enzyme – unter­stüt­zen dies. Als Bei­spiel sei nur gesagt, dass der Hund den­sel­ben grund­le­gen­den Aufbau von Magen und Darm auf­weist wie andere Kar­ni­voren: Der Magen ist ein großer Hohl­raum mit flüs­sig­keits­ab­son­dern­den Drüsen, es fehlen Gär­kam­mern an Dünn- und Dick­darm, wie sie Her­bi­voren und Omni­voren auf­wei­sen, der Blind­darm ist nur sehr klein und auch Dick- und Dünn­darm sind ver­hält­nis­mä­ßig kurz. Die Ver­dau­ungs­zeit ist dem­entspre­chend eben­falls recht kurz.
Die Länge und Kom­ple­xi­tät des Darmes und damit die Ver­dau­ungs­zei­ten steigen mit dem Anteil an pflanz­li­chen Stoffen in der Nahrung. Dies bedeu­tet, dass der Darm des Omni­voren länger und kom­ple­xer auf­ge­baut ist als der des Kar­ni­voren, Her­bi­voren aller­dings weisen einen noch weit län­ge­ren und kom­ple­xer auf­ge­bau­ten Darm auf. Der Darm­auf­bau des Hundes erlaubt also durch­aus die Ver­dau­ung pflanz­li­cher Nahrung. Dies spricht aber wie erläu­tert trotz­dem nicht zwangs­läu­fig für den Hund als Omni­voren, sondern eher als einen fakul­ta­ti­ven Kar­ni­voren.

 

Per­sön­lich halte ich die Bezeich­nung als Omni­vore für gefähr­lich – auch wenn sie für Hun­de­hal­ter kaum eine Rolle spielen dürfte, füttern wir zumeist doch einfach Fer­tig­fut­ter oder Roh­fleisch. In letzter Zeit kommen aber immer häu­fi­ger vege­ta­ri­sche und vegane Fut­ter­mit­tel auf den Markt, wobei oft argu­men­tiert wird, der Hund sei gleich dem Men­schen ein Omni­vore und könne sich damit »ent­schei­den«, Vege­ta­rier zu sein. Auch wenn er »fakul­ta­tiv« ein Kar­ni­vore ist und damit durch­aus bis zu einem gewis­sen Maß die Wahl hat, ist eine gesunde Ernäh­rung des Hundes gänz­lich ohne Fleisch weder natür­lich, noch gesund. Dies belegt allein schon sein Ver­dau­ungs­trakt.

 

Quellen:

  • Kleff­ner, Helen: Lite­ra­tur­stu­die über die Ver­dau­lich­keit von Energie und Nähr­stof­fen bei wilden carni- und omni­voren Säu­ge­tie­ren als Grund­lage für Ener­gie­wertschät­zun­gen im Futter, Dis­ser­ta­tion, München 2008.
  • Meyer, Helmut; Zentek, Jürgen: Ernäh­rung des Hundes. Grund­la­gen – Füt­te­rung – Diä­te­tik, 6. Auflage, Enke Verlag Stutt­gart, 2010.

 

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