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Wie sehen Hunde?

Auf die Frage, ob und wie Hunde Farben erken­nen können, findet man oft die schlichte Antwort: »Die sind far­ben­blind«, auch von »der Hund sieht nur Schwarz und Weiß« habe ich schon gelesen. Beides ist aller­dings nicht ganz korrekt. Der Hund erkennt Farben, aller­dings nicht alle. Jene, die er nicht erkennt, ersetzt er durch andere, sodass seine Sicht der Dinge einen leich­ten »Farb­stich« hat. Die etwas andere Sicht­weise eines Hundes ist aber nicht einmal unbe­dingt nach­tei­lig oder »schlech­ter« als die des Men­schen, sie ist ledig­lich auf den Hund als Beu­te­tier­fres­ser und damit Jäger sich bewe­gen­der Tiere aus­ge­rich­tet.

 

 

Der Rundumblick

Die Unter­schiede begin­nen bereits bei der Größe des Gesichts­fel­des, welches die Größe des Berei­ches beschreibt, in welchem wir und auch der Hund ein Objekt wahr­neh­men können, ohne es zu fixie­ren. Ein Test des Gesichts­fel­des wird meist schon in der Schule als kleines Expe­ri­ment durch­ge­führt: Der Proband sitzt gerade und richtet die Augen auf einen direkt gera­de­aus lie­gen­den Punkt. Auf dem Kopf trägt er eine Art halb­run­des Lineal, welches in der Mitte des Kopfes bei Null Grad beginnt und zu beiden Seiten hin die Grad­zah­len des Gesichts­fel­des beschreibt. Nun wird von hinten an dem Grad­mes­ser entlang ein Gegen­stand nach vorne bewegt, bis der Proband ihn sehen kann. Die Grad­zahl an dieser Stelle wird gemes­sen, wobei die Messung für jedes Auge einzeln durch­ge­führt wird, während das zweite geschlos­sen bleibt. Ent­schei­dend ist in diesem Fall das hori­zon­tale Gesichts­feld, also ab wann wir etwas rechts und links von uns erken­nen können. Der Mensch verfügt über ein hori­zon­ta­les Gesichts­feld von etwa 180 Grad. Der Hund hin­ge­gen kann ein Sicht­feld von bis zu 270 Grad auf­wei­sen, ledig­lich bei Hunden mit stark ver­kürz­ten Schnau­zen und des­we­gen weiter vorne ste­hen­den Augen ist der sicht­bare Bereich etwas gerin­ger, aber immer noch weit größer als beim Men­schen. Der Hund kann also nicht nur nach vorne und zur Seite, sondern sogar ein Stück hinter sich sehen. Der Unter­schied resul­tiert aus der Posi­tio­nie­rung der Augen, welche beim Men­schen nach vorne gerich­tet, beim Hund eher seit­lich aus­ge­rich­tet sind. Ledig­lich die Schnitt­menge der Sicht­fel­der jedes ein­zel­nen Auges ist auf­grund der Augen­stel­lung beim Hund gerin­ger als beim Men­schen. Der Hund vergüt hier über gerade einmal 60 Grad, der Mensch über 120 Grad. Dieses bino­ku­lare Gesichts­feld ist für die Tie­fen­wahr­neh­mung zustän­dig, welche also beim Hund gerin­ger ist als beim Men­schen. 

 

 

Der Aufbau des Auges

Auge zugeschnitten bearbeitetDes Auges des Hundes ist dem des Men­schen in seinem Aufbau gar nicht so unähn­lich. Das Auge ist über den Sehnerv mit dem zen­tra­len Ner­ven­sys­tem ver­bun­den. Es ist kugel­för­mig und setzt sich grob gesagt von vorne außen her nach innen aus der Horn­haut, der vor­de­ren Augen­kam­mer und der Iris – oder auch Regen­bo­gen­haut genannt – zusam­men. Hinter der Iris folgen die Linse und der Glas­kör­per­raum. Umgeben ist das Auge von der Bin­de­haut, der Leder­haut, der Cho­ro­idea und der den Glas­kör­per­raum fül­len­den Netz­haut. Die Netz­haut ist wohl einer der wich­tigs­ten Bestand­teile des Auges, denn sie enthält die licht­emp­find­li­chen Foto­re­zep­to­ren, welche durch Licht­ein­fall aus­ge­löste che­mi­sche Signale in für die Ner­ven­bah­nen leit­bare elek­tri­sche Signale umwan­delt und diese über den Sehnerv wei­ter­lei­tet. Über die Ader­haut, bestehend aus Iris, Zili­ar­kör­per und Cho­ro­idea, wird das Auge mit Nähr­stof­fen ver­sorgt.

Eine Beson­der­heit des hün­di­schen Auges ist aber das Tapetum lucidum. Dabei handelt es sich um eine zusätz­li­che Haut­schicht im Auge, unter­halb der Netz­haut. Sie reflek­tiert zusätz­lich das ein­fal­lende Licht, was für eine zusätz­li­che Sti­mu­la­tion der Foto­re­zep­to­ren der Netz­haut und damit ein bes­se­res Seh­ver­mö­gen bei schlech­ten Licht­ver­hält­nis­sen sorgt. 

Außer­dem ver­fü­gen Hunde über keine wie beim Men­schen auf­ge­baute Fovea cen­tra­lis, die soge­nannte Seh­grube, welche den Punkt des schärfs­ten Sehens im Auge mar­kiert und an der Hin­ter­seite des Glas­kör­per­rau­mes liegt. Sie besteht beim Men­schen und den Pri­ma­ten nur aus Zapfen, welche das Farb­se­hen ermög­li­chen. Der Hund hin­ge­gen verfügt über eine Area cen­tra­lis – oder auch »visual streak« genannt, welche zwar auch beim Hund haupt­säch­lich aus Zapfen besteht, aber eben­falls die für die Auf­nahme des ein­fal­len­den Lichtes zustän­di­gen Stäb­chen. Der Hund verfügt daher nicht über die­selbe Seh­schärfe wie der Mensch, kann aber bei weniger Licht­ein­fall besser sehen. 

Ein auf den ersten Blick auf­fal­len­der Unter­schied ist außer­dem das dritte Augen­lid (Pal­pe­bra tertia) des Hundes, die soge­nannte Nick­haut (Plica semil­u­na­ris con­junc­tivae, Mem­brana nici­tans). Sie ist meist dunkel pig­men­tiert und liegt unter den äußeren Lidern in Rich­tung Fang. Sie liegt ein Stück weit über den Aug­ap­fel und dient dessen Schutz, auch wenn sie beim Hund eher rudi­men­tär vor­han­den ist (Echsen zum Bei­spiel haben eine Nick­haut­mus­ku­la­tur, die es ihnen erlaubt, das dritte Lid bei Bedarf über das Auge zu legen). Die Nick­haut verfügt über eigene Drüsen und eine eigene Schleim­haut, in welcher sich zahl­rei­che Lymph­fol­li­kel befin­den, die unter anderem dem Immun­sys­tem dienen. Bei Hunden unter zwei Jahren kommt es oftmals zu einer Con­junc­tivi­tis fol­li­cu­la­ris, bei welcher sich ver­mehrt Bläs­chen (Lymph­fol­li­kel) auf der Innen­seite der Nick­haut bilden und am Auge reiben. Es kommt zu leich­ten bis schwe­ren Ent­zün­dun­gen und ver­mehr­tem Tränen der Augen. Dies ist eine Über­re­ak­tion des Immun­sys­tems auf die Umwelt, welche bis zu einem Alter von zwei Jahren meist abklingt, im Alter aber wie­der­keh­ren kann. Die Con­junc­tivi­tis fol­li­cu­la­ris wird sym­pto­ma­tisch mit Augen­sal­ben und Augen­trop­fen behan­delt, um die Ent­zün­dung zu lindern.

Beson­ders Haltern bra­chy­ze­pha­ler (kurz­köp­fi­ger) Rassen dürfte auch das Kir­schauge (Cherry-Eye) ein Begriff sein. Dabei handelt es sich um einen Nick­haut­drü­sen­vor­fall, bei welchem sich die ober­fläch­li­che Nick­haut­drüse (Glan­dula pal­pe­brae tertiae super­fi­cia­lis) so wölbt, dass sie einer Kirsche ähnelt – ein roter, kleiner Ball. Durch das Kir­schauge kommt es zu ver­mehr­tem Tränen der Augen, das Seh­ver­mö­gen wird eben­falls bein­träch­tigt. Eine Behand­lung beim Tier­arzt ist in solchen Fällen drin­gend erfor­der­lich.

 

Das Farbsehen

Mohnfeld

Ein Mohn­feld, wie es der Mensch wahr­nimmt. Das Bild wurde freund­li­cher Weise von Carina Titel zur Ver­fü­gung gestellt.

Wie bereits erwähnt sieht der Hund nicht nur Grau­töne, jedoch ist sein Farb­se­hen zuguns­ten des Sehens bei schlech­ten Licht­ver­hält­nis­sen ein­ge­schränkt. Als eigent­lich däm­me­rungs­ak­ti­ver Jäger ist dies für den Hund aber eher ein Vorteil als ein Nach­teil. Gesteu­ert wird das Farb­se­hen über die bereits erwähn­ten Zapfen, von denen der Hund weniger hat als der Mensch. Die Zapfen – auch Zäpf­chen genannt – befin­den sich in der Netz­haut. Es gibt drei ver­schie­dene Typen davon beim Men­schen, wobei jeder auf eine andere Wel­len­länge des Lichts reagiert und damit ein anderes Farb­si­gnal bei Licht­kon­takt wei­ter­gibt. Diese Signale werden kom­bi­niert und ergeben so das Gesamt­bild. Der Mensch verfügt über den S-Typ für Licht mir kurzer Wel­len­länge – das heißt Blau, den M-Typ für mitt­lere Wel­len­län­gen – das heißt Grün, und den L-Typ auf lange Wel­len­län­gen – das heißt Rot. Der Hund hin­ge­gen verfügt nur über zwei Typen von Zapfen, einen für Blau und einen für Gelb. Er kann also die Farbe Rot nicht erken­nen. Rote Blumen sind für den Hund aber nicht einfach grau, wie das fol­gende Bild zeigt:

 

Mohnfeld aus Hundesicht

Das­selbe Foto, aber so bear­bei­tet, dass es in etwa die Wahr­neh­mung des Hundes wie­der­ge­ben dürfte.

Das Rot der Mohn­blü­ten wird im hün­di­schen Auge einfach als Gelb wahr­ge­nom­men. Andere Rottöne wie Orange, aber auch Grün, nimmt der Hund gelb­sti­chig wahr, wie auf dem Bild anhand der eigent­lich grünen Blü­ten­stiele erkenn­bar ist. Violett und Blau werden schlicht als Blau wahr­ge­nom­men. Andere Quellen gehen aller­dings davon aus, dass Rot als Grau oder Schwarz wahr­ge­nom­men wird. Dies hängt ver­mut­lich auch vom ent­spre­chen­den Rotton und seinem Gehalt an Gelb ab. Farben wie Orange mit einem hohen Gel­b­an­teil dürften eher gelb­lich wahr­ge­nom­men werden als andere Rottöne. Auch Grün wird ver­mut­lich nur in seiner »reins­ten« Form als farblos erkannt, bei Objek­ten wie dem oben gezeig­ten Mohn­feld, wo das Grün schon von Natur aus einen Gelb­stich auf­weist, sieht auch der Hund eher ein Gelb-Grau als ein reines Grau. Im Aus­gleich für die nied­ri­gere Anzahl an Zapfen verfügt die Netz­haut des Hundes über weit mehr Stäb­chen, sodass das Auge weniger Licht besser auf­neh­men kann. Dem kommt auch die oben erwähnte Area cen­tra­lis zupass. 

 

Stillgestanden!

Der Hund sieht also zuguns­ten von guter Nacht­sicht weder so scharf, noch so far­ben­froh wie der Mensch. Für ihn ist aber zusätz­lich auch wichtig, dass er seine Beute erkennt. Es scheint, als würden Hunde auf bewegte Objekte besser reagie­ren und sie schnel­ler und schär­fer sehen als unbe­wegte, beson­ders auf Distanz. Grobe Formen und Umrisse werden wohl eben­falls besser wahr­ge­nom­men. Außer­dem ist seine Pupille größer, weshalb er bei schlech­ten Licht­ver­hält­nis­sen – zusätz­lich zur grö­ße­ren Zahl an Stäb­chen – besser und schär­fer sieht als der Mensch. Das Tapetum lucidum spielt hierbei in seiner Funk­tion als Licht­re­flek­tor auch eine ganz ent­schei­dende Rolle. Rennt man also – auch auf große Distanz und bei Dun­kel­heit – vor einem Hund davon, kann man davon aus­ge­hen, dass dieser einen dadurch erst noch besser sieht, als wenn man einfach still stehen geblie­ben wäre. Beu­te­tiere machen sich dies übri­gens zunutze, indem sie sich tot stellen, wenn sich ihnen ein Beu­te­tier­fres­ser nähert. Aller­dings sollte man nicht ver­ges­sen, dass der Hund auch noch einen Hör- und Geruchs­sinn hat, sodass allei­ni­ges still­ste­hen noch lange nicht dafür sorgt, dass man unsicht­bar wird. Es dauert zwar kurz, aber die Augen sowie die anderen Sinne des Hundes gewöh­nen sich auch daran und iden­ti­fi­zie­ren ein Objekt oder ein Lebe­we­sen dann auch als solches.

Für den Hun­de­hal­ter ist das Seh­ver­mö­gen des Hundes eine sehr inter­es­sante Sache, denn es ist der Grund dafür, dass die meisten Hunde auf Action und Bewe­gung weit besser reagie­ren, als auf ein stock­steif gege­be­nes Kom­mando. Wer seinen Hund moti­vie­ren will, nutzt sein Inter­esse für beweg­li­che Objekte – sei es der Mensch selbst, ein Ball oder ein anderes Spiel­zeug.

2 Kommentare

  1. Vitaler Hund

    Hallo und vielen Dank für die netten Worte!

    Leider schei­den sich die Geister, ob Hunde Fern­seh­bil­der über­haupt wahr­neh­men können. Aller­dings berich­ten viele Hun­de­hal­ter, dass ihr Tier bewusst Bilder im Fern­se­hen wahr­neh­men würde. Ob dies nun aber an den Geräu­schen oder dem Bild selbst liegt, kann ich nicht sagen. Ich habe gelesen, dass der Mensch etwa 50 Bilder pro Sekunde als Film wahr­nimmt, der Hund 70 oder 80. Das würde bedeu­ten, dass das Fern­se­hen für ihn zu langsam ist, d.h. er würde eine Art Flim­mern über den Bildern sehen.

    Aber auch die Technik ent­wi­ckelt sich weiter und wir haben Fern­se­her, die 100 oder 200 Bilder pro Sekunde dar­stel­len. Da müssten dann auch Hunde eine ein­wand­freie Sicht auf das TV-Pro­gramm haben ;).

    Ein drei­di­men­sio­na­les Sehen ist Hund und Mensch übri­gens glei­cher­ma­ßen in einem Winkel von etwa 120 Grad möglich, was die Nicht-TV-Umwelt betrifft. 

    Liebe Grüße

  2. Hans-Michael Schiller

    Hallo,
    vielen Dank für die sehr infor­ma­ti­ven vor­ste­hen­den Aus­füh­run­gen.
    Mich inter­es­siert, ob der Hund – wie der Mensch – drei­di­men­sio­nal wahr­nimmt. Sollte dies – was ich annehme – der Fall sein, wie nimmt er dann zwei­di­men­sio­nale Bilder (z.B. Fern­seh­bil­der) wahr? Die zwei­di­men­sio­nal dar­ge­stell­ten und vom mensch­li­chen Auge betrach­te­ten Bilder werden durch unser Gehirn umge­wan­delt und als drei­di­men­sio­nal wahr­ge­nom­men. Ist dies beim Hund auch der Fall?
    Ich würde mich über eine Antwort freuen.
    Freund­lichst,
    H.-Michael Schil­ler

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